12.10.16 10:49 Alter: 2 Jahre

Fachexkursion 2016 nach Südengland des BWK-Lanndesverbandes Niedersachsen/Bremen

Rubrik: BWK

 

Fachexkursion nach Südengland

Der BWK Landesverband Niedersachsen und Bremen veranstaltet seit etwa 15 Jahren Auslandsexkursionen für seine Mitglieder und deren Begleitung. Ein wichtiges Element dieser Exkursionen sind natürlich die Besichtigung wasserbaulicher Anlagen und die Diskussion mit den ausländischen Kollegen über Ihre Probleme und Lösungen in unserem Fachbereich. Daneben gilt es die kulturelle und landschaftliche Vielfalt dieser Länder zu erkennen und Kontakte unter unseren Mitgliedern aufzubauen und zu vertiefen. Diesen Zielsetzungen folgte auch unsere Exkursion vom 2. bis 11.September 2016 nach Südengland. Bereits die Anreise mit Bus und Schiff ermöglichte die Auffrischung persönlicher Kontakte mit vielen Kollegen, die sich sonst eher selten sehen.

Kulturell begann die Reise mit dem Besuch von Schloss Windsor, mit dessen Bau bereits 1087 n.Chr. also kurz nach dem Einfall der Normannen begonnen wurde. Höhepunkte der Besichtigung waren die St.George Kapelle, die State Apartments und der Wechsel des Wachbataillons mit Musikkapelle und Reiterstaffel. Noch am gleichen Tag besuchten wir auf unserer Fahrt nach Bristol zwei bemerkenswerte wasserbauliche Anlagen.

Der Jubilee River ist ein Hochwasserentlastungskanal, der bis zu 40% des maximal beobachteten Hochwassers der Themse um die intensiv genutzten Niederungen bei Windsor herumleiten kann. Der im Jahr 2002 eröffnete Jubilee River ist heftig umstritten, weil die Unterlieger- vermutlich zu Recht - häufigere und höhere Hochwasserspitzen als früher beklagen. Wir besichtigten die Wehranlage zur Steuerung der Flutmengen aus der Themse und wanderten ein Stück am Ufer des insgesamt 12 Kilometer langen Kanals entlang. Hochwasserschutz, Natur-und Landschaftsschutz sowie Tourismus sind bei diesem Projekt, das 110 Mio. Pfund gekostet hat, nahezu gleichwertig realisiert worden.

Das nächste besichtigte Wasserbauwerk ist bereits vor 200 Jahren gebaut worden. Die Schleusenanlage des Kennet-Avon-Kanals überwindet auf 3,6 Kilometern mit  29 Schleusenanlagen einen Höhenunterschied von 77 Metern. Das Zentrum dieser Schleusentreppe stellen die 16 Anlagen der Caen Hill Locks dar, die wir besichtigten. Der Kanal hatte als Wasserstraße zwischen Bristol und London seine Blütezeit zwischen 1810 und 1840. Dann löste ihn die Eisenbahn als Massentransportmittel ab. Heute wird der Kanal nur noch touristisch genutzt und die Erhaltung und Betreuung des Kanals wird von Freiwilligen ehrenamtlich geleistet. Wir waren beeindruckt.

Am nächsten Tag hatten wir viele Kilometer von Bristol bis Cornwall zu fahren. Aber auch an diesem Tag haben wir die Fahrt mehrfach unterbrochen. Bereits in Bristol hatten wir die Gelegenheit, eine der berühmtesten englischen historischen Brücken zu erwandern. Die Kettenbrücke Suspension Bridge von 1864 überspannt mit 214 Meter Länge den Fluss Avon in 75 Meter Höhe und erinnert an die Kettenbrücke in Budapest.

 Nächster Stopp war in Bath, wegen der Heilwirkung der 46°C warmen Quellen bereits bei den Römern als Heilbad sehr beliebt. Nach vielen Jahrhunderten der Stagnation wurde das Badevergnügen um 1700 n.Chr. erneut entdeckt. Bis etwa 1800 n.Chr. wurden in Bath 7000 Wohnanlagen errichtet, manchmal kreisförmig (Circus), manchmal als geschwungene Häuserzeile (Crescent). Im Jahr 1987 wurde Bath auch aus diesem Grund zum Weltkulturerbe erklärt. Wir begannen die Stadtbesichtigung bei der Einmündung des Kennet-Avon-Kanals in den Avon und beendeten den Rundgang in den römischen Badeanlagen.

Auf unserem weiteren Weg nach Bristol lag die berühmte Kathedrale von Wells aus dem 12.Jahrhundert, für viele die schönste Kathedrale Englands. Vor allem die golden schimmernde Westfassade mit zahlreichen christlichen Skulpturen und die im Inneren der Kirche angelegten sog. Scherenbögen der Tragkonstruktion haben uns beeindruckt. Letztere wurden nachträglich zur Aufnahme der enormen Quer- und Längskräfte, die auf die schlanken Pfeiler einwirken, gebaut.

Kurze Zeit später besichtigten wir das historische Schöpfwerk Westonzoyland bei Glastonbury aus dem Jahre 1861. Die Energie zum Betrieb der Schöpfwerkspumpe lieferte eine extern angeordnete Dampfmaschine. Die noch heute betriebsfähige Anlage kann 1500 Liter je Sekunde auf ein etwa 2 Meter höheres Niveau heben. Die Anlage wird zurzeit repariert.

In Newquay erreichten wir am Abend unser Quartier für die folgenden 2 Tage in Cornwall. Pittoreske Fischerdörfer, Urlaubsorte wie St.Ives und vor allem die spektakulären Küstenlandschaften von Cornwall waren Anlass für mehrere kurze Wanderungen und Spaziergänge. Insbesondere das Wandern entlang der Klippen auf dem Coastal Path in den Regionen Lizard Island, Lands End, Tintagel mit den Ruinen der Burg von König Artus (?) und später am Beachy Point bei Eastbourne hat den sportlichen Teilnehmern der Reise sehr gefallen.

Auf dem Weg von Cornwall zur englischen Südküste spazierten wir durch berühmte englische Gärten wie Lanhydrock und Stourhead und bestaunten die 5000 Jahre alte Kultstätte Stonenenge mit den bis zu 25 Tonnen schweren Steinen, deren Bedeutung immer noch umstritten ist. Für die aus dem Roman „Säulen der Erde“ bekannte Kathedrale in Salisbury mit dem höchsten Kirchturm Englands (123 Meter) verblieb wenig Zeit, denn wir mussten rechtzeitig unseren Termin bei South West Water (SWW) in Exeter erreichen.

Zwei leitende Mitarbeiter von SWW, einem privaten Wasserunternehmen mit 1500 Mitarbeitern, das die Aufgaben der Trinkwasserversorgung und der Abwasserbeseitigung für etwa 3 Mio. Menschen wahrnimmt, zeigten uns in perfekten Vorträgen, dass Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge auch von privatisierten Unternehmen zu vertretbaren Preisen leistbar sind. Insgesamt sollen nach der vollständigen Privatisierung im Jahre 1989 etwa 120 Milliarden Pfund von den heute noch 18 Gesellschaften in England in die Ver- und Entsorgungsanlagen investiert worden sein.  Die 18 privaten Wassergesellschaften werden von einem „Regierungsamt“ beaufsichtigt, das keinem Ministerium unterstellt ist und von den Unternehmen durch eine staatliche Abgabe finanziert wird.

Am folgenden Tag wurden uns vor Ort die schwierigen Arbeiten des Küsten- und Kliff- Schutzes im Raum Bournemouth von dem Coastal Protection Manager Dr. David Harlow dargestellt. Das dominierende Problem ist der Sandtransport in West-Ost Richtung infolge der Querströmung  vor der Küstenlinie, die durch lange und flache Atlantikwellen entsteht. Hinzu kommen der Meeresspiegelanstieg und die Senkung der englischen Südküste, beides zusammen wird für die nächsten 100 Jahre auf 80 cm geschätzt. Nach früheren negativen Erfahrungen mit massiven Deckwerken wird zurzeit eine Kombination von Buhnenbau aus tropischen Hölzern und gezielter Sandaufspülung versucht. Der Schutz des Strandes dient der Förderung des Tourismus und trägt auch zur Standsicherheit der etwa 30 Meter hohen Kliff Kante bei, auf der viele Hotelanlagen stehen. Ein weiteres Problem für die Standsicherheit des Kliffs ist an der Seeseite austretendes Grundwasser. Um die daraus resultierende Erosion zu stoppen, mussten massive Stützwände mit tiefen Verankerungen im Erdreich errichtet werden.

Von Bournemouth in Richtung London unterbrachen wir unsere Reise bei inzwischen herrlichem Sommerwetter an mehreren Stellen. In Erinnerung bleiben den Teilnehmern die friedlich grasenden wilden Pferde im New Forest, der Besuch des Hafens Littlehampton, wo uns der Hafenkapitän und der Coastal Manager ihre Probleme mit der Sandablagerung darstellten, der Spaziergang auf dem etwa 500 Meter langen Pier in Brighton und bei Windstärke 6 der Besuch des etwa 160 Meter hohen Kreidekliffs bei Eastbourne, das jährlich etwa 2 Meter infolge des Wellenangriffs verliert.

Abschluss der Reise und für viele der Höhepunkt war London. Auf die Aufzählung der vielen Sehenswürdigkeiten, die wir bei unserer Rundfahrt bewundert haben, wird an dieser Stelle bewusst verzichtet. Für die Wasserbauingenieure wird zusätzlich der Besuch des Regent Kanals und vor allem des Themse-Sturmflutsperrwerkes in Erinnerung bleiben. Der Regent-Kanal, den wir mit einem Boot befuhren, wurde wie der Kennet-Avon-Kanal um 1820 gebaut, um vor allem Massengüter wie Kohle und Baumaterial in das aufstrebende London zu transportieren. Eine Schleuse ermöglichte den Auf- und Abstieg der Schiffe in das 20 Meter tiefere Niveau der Themse. Auch dieser Kanal wird heute nur noch touristisch und als Liegeplatz für Wohnboote genutzt, um den extrem hohen Immobilienpreisen in London zu entgehen.

Das Themsesperrwerk war sicherlich das Highlight für unsere Küsteningenieure. Nach der verheerenden Hollandflut von 1953, die in England 307 Menschenleben forderte, beschloss man, das Tidegebiet der Themse besser vor Sturmfluten zu schützen. Im Jahre 1984 wurde das Sperrwerk als wichtigster Teil des Gesamtkonzeptes unterhalb der City von London eingeweiht. 535 Mio. Pfund hat der Bau gekostet. 10 bewegliche Stahltore in der Form von Drehsegmenten können mit doppelt ausgeführten Motoren aus ihrer Ruhestellung in der Flusssohle in die vertikale Sperrstellung und weiter in die Inspektionsstellung gedreht werden. Das Sperrwerk ist 520 Meter lang. Etwa viermal pro Jahr wurde es in den vergangenen rund 30 Jahren zum Schutz der Stadt vor Sturmfluten geschlossen, deutlich häufiger zu Übungs- und Inspektionszwecken.

Nach 8 ereignisreichen Tagen bestiegen wir am 10. September unseren Bus zur Rückfahrt via Fähre nach Hannover. Ein letzter Stopp in einem Pub in Colchester machte uns mit dem typisch englischen Gericht Fish and Chips vertraut, nachdem wir bereits in Cornwall den ebenfalls typischen Cream Tea mit Scones genossen hatten. Insgesamt waren die 41 Teilnehmer der Exkursion in England etwa 2000 Kilometer und rund 40 Stunden mit dem Bus unterwegs. Aber auch die 70 Kilometer, die die besonders Sportlichen unter uns in diesen Tagen gewandert sind, können sich sehen lassen. Es war eben eine sehr abwechslungsreiche Exkursion mit Wanderungen, Spaziergängen, kulturellen Erlebnissen und vielen wasserwirtschaftlichen Höhepunkten.

Jörg Müller

 

 Windsor Castle

 

Jubilee River

 

 Kanalschleuse bei Devizes

 

 Suspension Bridge in Bristol

 

 Scherenbögen in der Kathedrale von Wells

 

 Hafen von St. Ives

 

 Lands End

 

 Tintagel - Ruine Artusburg

 

 Herrenhaus Lanhydrock

 

 Kathedrale von Salisbury

 

 Empfang bei South West Water in Exeter

 

 Gartenanlage Stourhead

 

 Stonehenge

 

 Kliffabbruch bei Bournemouth

 

 Freilebende Pferde im New Forest

 

 Seven Sisters bei Eastbourne

 

 Tower Bridge und Needle

 

 Buckingham Palace

 

 Millenium Bridge und St. Paul

 

Thames Barrier